Theatertexte
2025 Berlin Karl-Marx-Platz 2024 Alles wird schön sein 2021 Berlin Kleistpark 2020 Berlin Oranienplatz 2019 | Notizen für Europa (für die Inszenierung "Die Nacht von Lissabon") 2014 On my way home 2012 Die Saison der Krabben | Warten auf Adam Spielmann 2011 Pauschalreise ‒ Die 1. Generation 2009 Die Schwäne vom Schlachthof 2008 Der Besuch
Berlin Karl-Marx-Platz
Ein letztes Liebeslied
Dritter Teil der Stadt-Trilogie
Uraufführung 01.11.25 | Maxim Gorki Theater | Berlin
Paul
Du hast damals das falsche Deutschland gewählt. Du hättest zu uns kommen sollen.
ESMA
Ach ja? Und du hättest damals einen Platz am Tisch gehabt, den du heute nicht hast? Weißt du, was die eigentliche Winterreise ist, Paul? Unser Weg durch diesen ganzen Matsch hier. Am Ende sitzen wir alle in derselben billigen Kantine. Dann ist es egal, ob du Marzahn sagst und ich Neukölln. Ob mein Gott Allah heißt oder deiner Schubert. Dann werden wir alle die gleiche Scheiße fressen.
Figuren
Cem | Lisa | Esma Cems Mutter | Paul Lisas Großvater
Berlin, Anfang der 90er. Die Mauer ist gefallen, die Regeln unklar, das Tempo hoch. Inmitten des Umbruchs verlieben sich zwei junge Menschen, die nicht unterschiedlicher sein konnten: Lisa aus Marzahn und Cem aus Neukölln. Zwischen Abriss und Aufbruch stellen sich die Beiden gegen alle Erwartungen.
Alles wird schön sein.
Ein Mixtape von Hakan Savaş Mican
Uraufführung 26.05.23 | Maxim Gorki Theater | Berlin
Wegen dieses Buches wollte ich als Kind Astronaut werden – der erste türkische Astronaut der Welt, ein sogenannter Welt-Alman. Hat nicht geklappt. Dann wollte ich Schlagerstar werden, der erste Türke in der Hitparade, dann Poet und vor allem Profifußballer, Chefkoch, Bürgermeister. Am Ende bin ich der erste türkische fast-Diplom-Bauingenieur geworden, der über eBay Kleinanzeigen Küchen baut und Holzparkett verlegt – für zwölf Euro die Stunde. Und als Überstundenlohn hat mir das Leben einen Tumor im Gehirn geschenkt, groß wie eine saftige Orange.
Figuren
Ali | Peer | Yavuz | Merve | Hande | Polizist
Ein Mann bekommt eine tödliche Diagnose und wird sterben, noch bevor seine Tochter auf die Welt gekommen ist. Also versucht er für sie eine Tonkassette aufzunehmen und fragt sich, ob es überhaupt möglich ist, etwas über den eigenen Tod hinaus zu bewahren. Was bleibt? Enttäuschungen? Sünden? Verletzungen? Ideale?
Berlin Kleistpark
Zweiter Teil der Stadt-Trilogie
Uraufführung 11.12.21 | Maxim Gorki Theater | Berlin
Wenn du hier bist, solltest du deinen Arm abschneiden und ihn hier zurücklassen. Nachts würde ich mich an deinen Arm kuscheln. Er wäre warm, ich würde nicht frieren.
Figuren
Moria | Adem | Meryem Adems Mutter | Lea eine Freundin von Moria | Shmuel Morias Vater | Arzt
Adem steht auf einem Treppenabsatz. Rechts: Moria, Nachbarin, Geliebte, mögliche Zukunft — in wenigen Tagen könnten sie zusammenziehen, eine Familie gründen, oder sich im nächsten Moment verlieren. Links: seine Mutter Meryem, mit Koffern voller Geschirr und Schuld. Sie ist gekommen, um wiedergutzumachen, dass sie ihn als Kind in der Türkei zurückließ. Adem zögert zwischen zwei Türen: einer Vergangenheit, die er löschen will, und einer Zukunft, die ihm Angst macht. Dazwischen steht die Frage, ob ein Leben ohne die Last des Herkunft möglich ist.
Berlin Oranienplatz
Erster Teil der Stadt-Trilogie
Uraufführung 28.08.20 | Maxim Gorki Theater | Berlin
ZEYNEP
Vielleicht bleibst du doch in Berlin. Sonst hättest du auch für dein Auto einen Plan.
Stille
Willst du, dass ich dich zum Gefängnis begleite? Ich kann morgen frei nehmen.
CAN
Nein, danke.
ZEYNEP
Ich mache das gerne.
CAN
Ich brauche kein Mitleid.
ZEYNEP
Du hast auch keins verdient.
Beim Gehen:
Komm nicht auf dumme Gedanken.
Figuren
Can | Lea seine Ex-Freundin | Juri ein junger Mann | Sezai ein Reisebürobesitzer | Blume seine Psychoanalytikerin | Yüksel sein Vater | Aysel seine Mutter | Kaya sein Geschäftspartner | Yavuz ein Freund aus Kindertagen | Mesut ein Hoca | Zwei Frauen und ein Mann in der Moschee | Deniz ein Freund aus Jugendtagen | Jeva eine Akademikerin | Zeynep seine Jugendliebe
Can hat mit gefälschter Designerkleidung das große Geld gemacht. Statt eine fünfjährige Haftstrafe anzutreten, will er Berlin verlassen und nach Istanbul gehen. An seinem letzten Tag in der Stadt besucht er ein letztes Mal die Menschen und Orte, die er fast vergessen hat – und die ihn fast vergessen haben. Eine Geschichte von verpassten Chancen und dem Versuch herauszufinden, welches Leben das Original ist und welches nur die Kopie eines anderen.
Notizen für Europa
Für die Inszenierung „Die Nacht von Lissabon“
Premiere 11.01.19 | Maxim Gorki Theater | Berlin
Ich habe das Gefühl, dass diese Reise mein Labyrinth ist. Ein Krieg naht. Und ich stecke fest. Ich wünschte mir, dass ich einen Faden hätte. Und irgendwo jemanden mit einem Knäuel in der Hand.
Mican hat bei Remarque die Frage beschäftigt, wem Europa gehört und wer dazugehören darf. Gleichzeitig geht es um Hoffnung, um Liebe und um die Möglichkeit von Solidarität. Die Tagebuchtexte sind auf einer Reise mit dem Videokünstler Benjamin Krieg entstanden — auf den Spuren der Figuren und Orte aus Remarques „Die Nacht von Lissabon“.
Die Saison der Krabben
Inspiriert von echten Menschen & den Filmen „Aaahh Belinda“ & „Eine Frau unter Einfluss“.
Uraufführung 16.09.12 | Ballhaus Naunynstrasse | Berlin
Du nimmst die Wörter der fremden Lieder mit unseren Melodien in den Mund. Man darf die Dinge nicht mischen, die nicht zusammengehören. Das Leben ist kein Jugoslawien.
Figuren
Asiye | Jasmin | Ilyas | Füsun | Kubilay | Dr. Schindler | Regisseur
Asiye ist eine mobile Krankenpflegerin in Berlin-Mariendorf, gefangen in einem engen Alltag zwischen Familie, Arbeit und Erwartungen. In ihrer Sehnsuchtswelt erfindet sie ein zweites Ich – das Leben einer deutschen Schauspielerin. Zwischen Pflicht und Traum versucht sie, sich neu zu entwerfen.
Warum gehe ich nie ran, wenn meine Eltern mich anrufen?
Warum telefoniere ich so kurz mit ihnen, wenn ich überhaupt rangehe?
Warum schreit das Kind vorne im Flugzeug ununterbrochen? Warum kann ich es nicht leiden, wenn ein Kind weint?
Warum habe ich mein Ladegerät zu Hause gelassen?
Warum sprechen in Bosnien alle viel besser Deutsch als ich?
Heißt es eigentlich der Vollkasko oder das Vollkasko?
Warum sitze ich am Steuer eines gemieteten Autos in Bosnien und denke an meinen Vater? Warum haben die Häuser hier Balkone ohne Geländer?
Ist Emir Kusturica eigentlich Serbe oder Bosnier?
Warum fühle ich mich nie zu Hause?
Und warum komme ich nie an, wenn ich nach Hause fahre?
Man nennt sie Kofferkinder, Pendelkinder, Sommerkinder – Kinder der ersten Arbeitsmigrant*innen, die mit einem Koffer in der Hand zwischen Ländern, Abschieden und Wiedersehen aufwuchsen. Die Eltern wollten bald zurückkehren. Aus drei Jahren wurden zehn, aus zehn Jahren eine Ewigkeit. Deutschland wurde zur Heimat, die Kinder blieben Fremde.
Für das Projekt reiste Mican gemeinsam mit dem Videokünstler Benjamin Krieg durch Regionen des ehemaligen Jugoslawiens, Griechenlands und der Türkei und sprach mit Menschen seiner Generation über Herkunft, Erinnerung und Lebenswege.
Warten auf Adam Spielmann
Uraufführung 24.05.12 | Ballhaus Naunynstrasse | Berlin
Ich hatte auch einen Traum. Es ist Nacht. Sie stürmen die Wohnung, holen die versteckten Fotos aus dem Kleiderschrank und hängen sie an die Tafel in meiner Schule. Ich betrete das Klassenzimmer, und die Kinder zeigen mit den Händen auf die Fotos. „Dein Großvater ist eine Eule. Du bist auch eine Eule.“ Ich fasse mir ins Gesicht und entdecke meinen Schnabel. Ich freue mich.
Eine düstere Vorahnung liegt über der Welt: Ethnische und religiöse Konflikte nähren Katastrophe und Hoffnungslosigkeit. Es bleibt nur eine Hoffnung – Adam Spielmann aus Detroit, eine legendäre Gestalt, der man nachsagt, er vertreibe alle bösen Gedanken. Doch niemand weiß, wo er ist.
Am Rand eines finsteren, magischen Waldes bei Detroit warten Menschen aus aller Welt – aus Israel, der Türkei, Teheran, Beirut und Berlin – auf seine Rückkehr. Adam soll die Menschheit retten.
Pauschalreise ‒ Die 1. Generation
Uraufführung 31.08.11 | Ballhaus Naunynstrasse | Berlin
Einen seltsamen Stoff hat diese Armut. Gegen schlechte Laune bist du gut geschützt, aber beim Regen hast du Pech!
Pauschalreise erzählt vom Aufeinandertreffen der Pioniere der ersten Generation, die vor 50 Jahren mit einem Koffer voller Träume nach Deutschland kamen, und ihren Enkeln, die sich auf eigene Weise im widersprüchlichen Heute eingerichtet haben – zwischen Herkunft und Zukunft, Erinnerung und Selbstentworfenem, Zugehörigkeit und Freiheit. In ihren alltäglichen Geschichten zeigt sich eine gemeinsame Sehnsucht: anzukommen in einer besseren Welt.
Die Schwäne vom Schlachthof
Uraufführung 19.11.09 | Ballhaus Naunynstrasse | Berlin
Ich hätte gerne noch ein bisschen weitergelebt. Nur so, aus Neugier.
Figuren
Das Kind | Çetin | Cengaver | Emine | Mina | Selim | Der Direktor | Selims Eltern | Çetins Vater | Ein Journalist
In den Grenzgewässern der geteilten Stadt starben Kinder, deren Wege die Mauer ungewollt überschritten. Der Abend nimmt diese vergessenen Schicksale zum Ausgangspunkt und fragt, welche Leben möglich gewesen wären, hätten sie weitergelebt. Aus Erinnerungen, Interviews und biografischen Fragmenten entsteht ein Blick auf das geteilte Berlin: Menschen bewegen sich zwischen Ost und West, zwischen der Türkei und Deutschland, zwischen Ideologien, Herkunft und persönlichem Glück. „Die Schwäne vom Schlachthof“ ist ein Stück über sichtbare und unsichtbare Grenzen.
Der Besuch
Uraufführung 13.12.08 | Ballhaus Naunynstrasse | Berlin
So ist es, mein Kind. Wir sind Besucher. Wir träumen immer von dem Ort, wo wir nie waren.
Figuren
Ihsan | Ada | Melike Ihsans Enkeltochter | Eyal Adas Sohn | Hunger & Leid
In einem kleinen Garten an der ehemaligen Mauer lebt İhsan, ein alter türkischer Mann, dessen Tomatenbeete sein letzter Halt sind. Doch die Eigentumsansprüche von Ada – deren Großvater einst das Grundstück gehörte –, ein Moscheebauprojekt und der Fund einer Weltkriegsbombe bedrohen sein fragiles Paradies. Als Ada und ihr Sohn Eyal auf İhsans Familie treffen, kreuzen sich Erinnerungen, Lebensentwürfe und Zukunftswünsche. Zwischen Besitzfragen und verdrängter Geschichte steht die Frage, wem ein Ort – und seine Vergangenheit – eigentlich gehört.
